Türkei kündigt ein „neues Wirtschaftsmodell“ an

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IstanbulEine Frischzellenkur haben Währung und Wirtschaft in der Türkei gleichermaßen nötig: Denn die türkische Führung rechnet mit einem gebremsten Wirtschaftswachstum. Das Bruttoinlandsprodukt des Landes soll 2019 um drei bis vier Prozent wachsen, gab das Finanzministerium in Ankara am Donnerstag bekannt.

Gleichzeitig kündigte Finanzminister Berat Albayrak an, am Freitag ein „neues ökonomisches Modell“ vorzustellen. Zuletzt habe der Schwiegersohn von Präsident Erdogan mehrere Workshops mit Verantwortlichen aus der Wirtschaft und der politischen Administration abgehalten, erklärte Albayrak am Donnerstagnachmittag. „Unsere Arbeit an einem mittelfristigen Wirtschaftsplan läuft auf vollen Touren“, sagte der Finanzminister.

Das ist auch nötig. Denn um die türkische Lira ist es derzeit nicht gut bestellt. Seit Jahresbeginn hat sie knapp ein Drittel ihres Wertes eingebüßt. Allein am Donnerstag verlor sie weitere zwei Prozent, ein US-Dollar kostete 5,44 Lira – so viel wie noch nie zuvor.

Parallel dazu trieben verstärkte Spekulationen auf Zahlungsausfälle in der Türkei die Kosten für Kreditausfall-Versicherungen (CDS) auf den höchsten Stand seit neun Jahren. Der wachsende Einfluss von Präsident Recep Tayyip Erdogan auf die bislang unabhängige Zentralbank stimmt internationale Investoren skeptisch. Immer mehr Anleger ziehen ihr Geld ab und werfen türkische Anleihen und Aktien auf den Markt.

Sie befürchten auch, dass der Währungsverfall die Banken des Landes in Bedrängnis bringen könnte. Die Inflation ist auf mehr als 15 Prozent gestiegen, das Leistungsbilanzdefizit vergleichsweise hoch.

Die Frage ist: Reicht das Wirtschaftsprogramm, um die Anleger zu beruhigen? Analysten senken nach und nach den Daumen über das Land. Als Grund geben nur wenige die wirtschaftspolitischen Parameter an. Stattdessen fallen immer häufiger Namen aus der türkischen Führung. Erdogan und seine Mannschaft haben Vertrauen verspielt.

Sparprogramm für Behörden soll verschärft werden

Mit der BIP-Prognose senkte die türkische Führung erneut die eigenen Aussichten, nachdem zunächst von einem Wachstum in Höhe von rund fünf Prozent für 2019 die Rede gewesen war. Im Jahr 2017 wuchs das BIP noch um 7,4 Prozent, so stark wie in keinem anderen Land der Welt.

Details über das „neue ökonomische Modell“ sind noch nicht bekannt, einige Zielsetzungen sickern aber bereits durch. So soll das Leistungsbilanzdefizit bei rund vier Prozent stabilisiert werden. Das bedeutet, dass die Türkei deutlich mehr importieren muss, als sie exportiert. Die Differenz – derzeit beträgt sie sechs Prozent der Wirtschaftskraft – muss das Land über Investitionen aus dem Ausland gegenfinanzieren, damit am Ende die Rechnung aufgeht.

Auch das Sparprogramm für die Behörden wird wohl verschärft. Das Budgetdefizit wird auf 1,5 Prozent festgesetzt. Zum Vergleich: Die Regierungen der Euro-Länder dürfen derzeit drei Prozent mehr ausgeben, als sie einnehmen.

Außerdem soll die „rollover rate“ bei unter 100 Prozent festgesetzt werden. Das würde bedeuten, dass Behörden ihre alten Schulden nicht mit neuen Schulden begleichen dürfen. Derzeit liegt der Wert bei 104 Prozent. Um ausländische Gelder anzuziehen, zielt Albayrak in erster Linie auf den Bausektor ab. „Vor allem über Infrastrukturprojekte wollen wir ausländische Investoren einbeziehen.“

Auch zum Bankensektor äußerte sich Albayrak. Türkischen Banken und anderen Unternehmen drohten keine Liquiditätsengpässe, teilte er am Donnerstag mit. Die Geldhäuser geraten unter Druck, weil viele große türkische Firmen ihre Dollar-Kredite nicht mehr zurückzahlen können, die sie bei türkischen Banken aufgenommen haben.

Um Liquiditätsengpässe bei Banken zu vermeiden, könnten die Mindestreserve-Anforderungen weiter gelockert werden. Erst am Montag hatten die Währungshüter so rund 2,2 Milliarden Dollar an Liquidität bereitgestellt.

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